{"id":707,"date":"2014-06-12T12:00:09","date_gmt":"2014-06-12T10:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/dev.agitationfree.com\/?p=707"},"modified":"2016-04-14T12:00:30","modified_gmt":"2016-04-14T10:00:30","slug":"michael-fame-guenther-geb-1950-ein-nachruf-von-h-p-daniels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agitationfree.com\/en\/news\/michael-fame-guenther-geb-1950-ein-nachruf-von-h-p-daniels\/","title":{"rendered":"Michael \u201cFame\u201d G\u00fcnther (Geb. 1950) Ein Nachruf von H.P. Daniels"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-en\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/agitationfree.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/707\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"Deutsch\">Deutsch<\/a>.<\/p><p><strong>\u201cFame\u201c hie\u00df er, war Rockstar, und jede Menge M\u00e4dchenherzen flogen ihm zu.<\/strong><\/p>\n<p>Seinen Vater hat er nie kennengelernt, mit seiner Mutter verstand er sich nicht. Also zog er fr\u00fch aus, weg aus dem Spandauer Hochhausghetto, in eine Wohngemeinschaft in Westend. Da ging er noch aufs Gymnasium und spielte Bass in einer Band, The Ugly Things, Rhythm \u2019n\u2019 Blues, hart und ruppig. Dabei war er ein weicher und freundlicher, h\u00fcbscher Junge. Mit langen Haaren allerdings, die Mitte der Sechziger noch schwere Aggressionen ausl\u00f6sten bei \u201ediesen ganzen Spie\u00dfern\u201c, wie er sie nannte, und f\u00fcr die er nichts \u00fcbrig hatte als Verachtung.<\/p>\n<p>Es war die Zeit, in der ihn eine junge Bewunderin \u201eFem\u201c nannte wegen seiner zarten, leicht femininen Z\u00fcge.<\/p>\n<p>Der Klang des Namens blieb h\u00e4ngen, alle nannten ihn bald so, die Schreibweise allerdings \u00e4nderte sich zu \u201eFame\u201c \u2013 Ruhm, Glanz, Ber\u00fchmtheit. Das passte noch besser zu ihm, denn genau das war es, was er sich ertr\u00e4umte. Er wollte auf die ganzen Spie\u00dfer, die Angepassten, die Streber pfeifen. Eine b\u00fcrgerliche Karriere hat ihn nie interessiert.<\/p>\n<p>Nach einer Odyssee durch verschiedene Schulen machte er das Abitur, aber dann war es auch schon vorbei mit der geordneten Laufbahn. Alle Energie steckte er in die Musik. Zuerst waren es die Beatles, Stones, Kinks, Pretty Things, die ihn mitrissen, sp\u00e4ter die experimentelleren Kl\u00e4nge von Pink Floyd und die ausufernden Improvisationen von Cream und Grateful Dead. Mit deren Bassisten Jack Bruce und Phil Lesh als Vorbilder verfeinerte er seine musikalischen F\u00e4higkeiten und entwickelte sich zu einem der versiertesten Bassisten der Stadt.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber Berlins Grenzen hinaus wurde er ber\u00fchmt und stand im Licht. Mit Agitation Free, der experimentellen Band, die als Wegbereiter der avantgardistischen \u201eBerliner Schule\u201c gilt, Vorl\u00e4ufer von Ash Ra Tempel und Tangerine Dream.<\/p>\n<p>Schwer aktiv und entschlossen entwarf Fame die Zukunft von Agitation Free, entschied \u00fcber Besetzungsfragen, warf Mitmusiker raus, heuerte neue an. Und t\u00fcftelte st\u00e4ndig am Sound. Die Technik interessierte ihn mindestens so sehr wie die Musik. Permanent arbeitete er an der Optimierung von Lautsprecherboxen und Gitarrentonabnehmern. Hier noch was und da noch was. Nur die schweren Verst\u00e4rker und Instrumente schleppen \u2013 das \u00fcberlie\u00df er lieber den anderen.<\/p>\n<p>Agitation Free traten auf in den angesagten Clubs der Stadt: Zodiac, Beautiful Balloon, Quasimodo, Audimax und Mensa der TU \u2013 und schlie\u00dflich auch im gro\u00dfen Berliner Sportpalast. Sie nahmen Platten auf, spielten in Darmstadt, Frankfurt, Kairo, Alexandria, Tripoli, Beirut, Zypern, Athen, Paris. Fame war in seinem Element: unterwegs sein, organisieren, Musik machen, im Licht stehen, ein Rockstar im Glanz. Und jede Menge M\u00e4dchenherzen flogen ihm zu.<\/p>\n<p>So h\u00e4tte es ewig weitergehen k\u00f6nnen. Doch 1974 l\u00f6sten sich Agitation Free auf. Zu unterschiedlich waren inzwischen die musikalischen Vorstellungen; Fame h\u00e4tte die Gruppe gerne mehr in Richtung Rockjazz entwickelt, aber die anderen wollten nicht. Eine Weile versuchte er es mit neuen Mitstreitern, aber irgendwann h\u00e4ngte er seinen exorbitanten, von ihm optisch und technisch einzigartig modifizierten halbakustischen Guild- Bass an den Nagel.<\/p>\n<p>Aber er blieb im Musikgesch\u00e4ft, als Mitbegr\u00fcnder und Teilhaber einer gro\u00dfen Verleihfirma f\u00fcr Licht- und Tonanlagen. Wenn Freunde etwas brauchten, einen Rat, einen Job, Geld oder sonst was, dann war Fame zur Stelle, lie\u00df seine Kontakte spielen, vermittelte und half.<\/p>\n<p>Irgendwann wurde er Planer der kompletten Veranstaltungstechnik f\u00fcr die Travestie-Show \u201eChez Nous\u201c und ihrer Tourneen durch die deutsche Provinz. Beim Jazzfest Berlin wurde er technischer Koordinator auf Jahrzehnte, fast auf Lebenszeit.<\/p>\n<p>Fr\u00fch schon arbeitete er mit Computern und konnte es sp\u00e4ter gar nicht glauben, wenn einer seiner Freunde noch keinen Internetanschluss hatte oder keine E-Mail-Adresse. Er war einer der Ersten, der Homepages zusammenbastelte f\u00fcr Freunde, Musiker und kleine Firmen.<\/p>\n<p>Fame war gefragt und beliebt, so wie er es sich immer gew\u00fcnscht hatte. Er genoss ein nobles Leben, wohnte in der Beletage und kurvte im dicken Mercedes durch die Gegend. Und wenn er jemand au\u00dferhalb Berlins besuchen wollte, fragte er erst mal nach den Flugkoordinaten. Er hatte einen Flugschein, und mit einer gemieteten Cessna flog er seine Freunde besuchen, einfach so, sein Hobby.<\/p>\n<p>Es fehlte ihm an nichts. Nicht an Freunden, nicht an aufregenden Begegnungen mit Menschen, die er bewunderte. Eine ganz besondere Freude war es ihm, als er beim Jazzfest sein Idol, den Bassisten Jaco Pastorius, pers\u00f6nlich betreuen, in der Philharmonie dessen Anlage aufbauen und nach dem Konzert mit ihm im Hotel feiern durfte. Eine gro\u00dfe Ehre auch, dass er mal mit Bo Diddley jammen konnte, dem alten Rock-\u2019n\u2019-Roll- und Bluesman.<\/p>\n<p>Nur noch ein gro\u00dfer Traum verfolgte ihn all die Jahre: das Wiederaufleben von Agitation Free. Einmal noch in der Originalbesetzung spielen. 1997 war es endlich so weit. Auf einer Geburtstagsfeier des Agitation-Free-Gitarristen L\u00fc\u00fcl im Tr\u00e4nenpalast spielten sie zusammen, und obwohl seine Finger etwas eingerostet waren, strahlte Fame mit einem langen, wilden Bass-Solo. Ach, das war noch mal sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Und immer mehr tr\u00e4umte Fame von den guten alten Zeiten. Zumal sein Gl\u00fcck irgendwann aufgebraucht zu sein schien, ihm ein paar Schicksalsschl\u00e4ge schwer zusetzten. Die Licht- und Tonfirma ging pleite, sein Einsatz war verloren. Dann der Selbstmord einer ehemaligen Freundin, die Tode seines engen Freundes Matthias und des alten Weggef\u00e4hrten Manne Praeker, Bassist der Nina-Hagen-Band, mit der Fame als Roadie unterwegs gewesen war. Ach ja, die guten alten Zeiten. Fame schien in den Erinnerungen stecken geblieben zu sein, als es nicht mehr weiterging und alles immer kleiner wurde, immer weniger. Die Arbeit, die Auftr\u00e4ge, das Geld. Da verlie\u00df ihn auch noch seine Frau Aleksandra. Vielleicht der schwerste Schlag seines Lebens.<\/p>\n<p>Der Alkohol, der mit diversen anderen Substanzen in den besseren Jahren noch der Bewusstseinserweiterung und Steigerung von Spa\u00df und Lebensfreude gedient hatte, wurde zum Schmerzmittel, Kakao mit Wodka die Medizin der Wahl. Kakao, fand Fame, sei n\u00e4hrstoffreich und gut f\u00fcr die Leber. Dann war er seinen gro\u00dfen gl\u00e4nzenden Mercedes los, etwas sp\u00e4ter auch noch den F\u00fchrerschein und damit auch den klapprigen Fiat und die ganze Mobilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Fame verlie\u00df nur noch selten seine d\u00fcstere Souterrainwohnung am Roseneck. Eine gro\u00dfe Reise gab es aber noch: Mit Agitation Free nach Tokio. Ein Traum eigentlich, der ihm aber immer mehr zum Albtraum geriet. Wie auch die sp\u00e4teren Konzerte in Berlin und Paris. Als ihn die Kollegen st\u00e4ndig bedr\u00e4ngten mit ihren Ratschl\u00e4gen: Er soll mehr \u00fcben. Mit so langen Fingern\u00e4geln kann er doch nicht Bass spielen. Er soll zum Arzt gehen. Sich ein Fahrrad anschaffen. Sport treiben. Nicht so viel saufen. Was essen. Anst\u00e4ndige Klamotten anziehen auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Diese Spie\u00dfer nervten ihn. Als sie ihn fragten, ob er \u00fcberhaupt noch Lust h\u00e4tte, sagte er: \u201eNein! Keine Lust mehr.\u201c Bei den letzten Konzerten der Agitation- Free-Reunion-Tour spielte er nicht mehr mit. Er blieb in seiner dunklen Wohnung.<\/p>\n<p>Er telefonierte noch regelm\u00e4\u00dfig mit seinem alten Freund Ludwig, unterhielt sich stundenlang \u00fcber Kochrezepte und Literatur. Techniken der Sauerkrautherstellung, wie man Marmeladen einkocht. Obwohl er da schon kaum mehr etwas a\u00df. Oder sie sprachen \u00fcber B\u00fccher von H.P. Lovecraft, Edgar Allen Poe oder aus der deutschen Romantik. Brentano, \u201eDes Knaben Wunderhorn\u201c, die alten Lieder hat Fame gern gelesen, dar\u00fcber unterhielt er sich mit gro\u00dfer Leidenschaft.<\/p>\n<p>Zwei-, dreimal die Woche telefonierte er mit Harald, sprach \u00fcber die alten Zeiten und \u00fcber Gott und die Welt. Und die niederschmetternden Erfahrungen, die Fame zuletzt beim Berliner Rockarchiv mit den Kollegen gemacht hatte. Und dass er nun auch noch seine T\u00e4tigkeit bei den Berliner Jazztagen verloren hatte.<\/p>\n<p>Wenn sich alte Freunde, die Fame l\u00e4nger nicht mehr gesprochen hatten, wunderten \u00fcber seinen Salbaderton am Telefon, ahnten sie nicht, wie viel Tassen Kakao er jeden Tag so zu sich nahm. Als Harald mehrere Tage nichts mehr von ihm geh\u00f6rt hatte, schickte er die Polizei zu seiner Wohnung. Sie fanden ihn tot, gestorben an inneren Blutungen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in Deutsch.\u201cFame\u201c hie\u00df er, war Rockstar, und jede Menge M\u00e4dchenherzen flogen ihm zu. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, mit seiner Mutter verstand er sich nicht. Also zog er fr\u00fch aus, weg aus dem Spandauer Hochhausghetto, in eine Wohngemeinschaft in Westend. 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